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Neulich im Gästebuch von Herber Grönemeyer:
(gefunden bei jetzt.de)
„Sehr geehrter Herr Grönemeyer! Da wir (ein paar ältere Damen, alle über 45) Ihre Musik, Wortkunst, Lebenseinstellung und Person sehr schätzen, würden wir gerne einen Vorschlag an Sie herantragen! Da Sie einen guten Überblick über fast alle Lebenslagen haben, wie wäre es einmal mit Tieren? Es beginnt beim Papagei (50 Jahre in einem kleinen Käfig) und geht bis zu Elefanten, Hühnerlegebatterien, Walfängen, Tiertransporten etc. Ein kleines Liedchen von IHNEN würde die Menschheit etwas aufrütteln. WIR sind überzeugt, SIE (Wer sonst?) könnten das! Sie sind nicht umsonst unser „Lieblingspiefke“, weil Ihr Gehirn richtig tickt! Liebe Grüße von uns allen.“ (Eva Marie Josefine aus Wien)
Und aus gegebenem Anlass jetzt noch schnell mein liebstes Konzertbeschreibungsklischee zum Mitnehmen:
„Gänsehautfeeling Pur“!
PS: Am 11.06.2007 hat es Herbert Grönemeyer in Bochum doch tatsächlich versäumt, sein lokal höchst beliebtes „Bochum“ zu spielen. Noch nicht mal als Zugabe. Eine Schande ist das. Der Herbert. Mensch.
Bahnfensterrauschen. Die verwischte Großstadt zieht viel zu schnell an mir vorbei. Aufkommender Schwindel kämpft gegen Langweile. Schwindel gewinnt, also zurück in den Zug: Vor mir kauert ein Mann und verspeist seine Fingernägel. Nag, Nag. Inbrünstig, wie ein Eichhörnchen nach der Eiszeit. Neben ihm eine riesenhafte Sporttasche und eine Segelfliegerzeitschrift. Ein Flieger also. Wahrscheinlich ist sein ganzes Cockpit voll mit Fingernagelresten. In allen Ecken verwesen sie vor sich hin und wenn man sich setzen will, zerstechen sie einem den Hintern. Deshalb will auch niemand mehr mit ihm in die Luft und er muss immer alleine hoch. Nur der Mann und seine Nägel. Vor Einsamkeit wird er oben fast verrückt und da entziehen sie ihm die Flugerlaubnis. Jetzt fährt er Bahn. Der arme Kerl…
Mittlerweile hat er sich an der rechten Hand satt gekaut, unterliegt aber augenblicklich den kulinarischen Verlockungen seines linken Zeigefingers. Nag, Nag, Er wirkt ganz nervös, wie er da sitzt und sich frisst. Seine glänzenden Haare hängen wie altersschwache Putzlappen vor den Augen. Hin und wieder streicht er sie hinter das linke Ohr, unterbricht dafür sogar seinen Körpersnack. Er konnte sich wohl länger nicht waschen. Wahrscheinlich ist er auf der Flucht. Deshalb auch die Sporttasche. Nachdem sie ihn aus dem Segelfliegerclub geworfen haben, ist er völlig durchgedreht. Hat Damenunterwäschegeschäfte überfallen und so viele Spitzenhöschen geklaut, wie in seine Tasche passten. Jetzt ist er auf dem Weg in sein Versteck, um alles anzuprobieren. Der kann’s kaum mehr erwarten. Dieser ekelhafte Idiot…
Hoffentlich merkt er nicht, dass ich ihn beobachte. Nag, Nag. Wer weiß, ob er nur auf seine eigenen Fingernägel steht? Wahrscheinlich ist die ganze Tasche voll mit fremden Händen. Die Hände des gesamten Segelfliegervorstandes sind da drin und wenn ich nicht aufpasse, schnappt er sich auch noch meine. Der sitzt da, kaut sich die halbe Hand ab und überlegt, wie er an meine Fingernägel rankommt. Deshalb ist der auch so ungepflegt. Der zieht durch das Land, klaut Damenunterwäsche und hackt Hände. Sollte mich besser schleunigst wegsetzten. Nein, am Besten sofort ganz raus hier. Wäre ja eh nur noch eine Station bis zuhause, das kann ich auch laufen. Ich packe meinen Rucksack und stehe auf. Vom sicheren Bahnsteig aus, schaue ich zurück ins Abteil. Da sitzt er und kaut, als sei nichts gewesen. Gerade setzt sich ein junges Mädchen mit Kopfhörern auf meinen alten Platz. Sein neues Opfer. Nag, Nag. Dieses perverse Schwein…
Da stehe ich also. Im Staub derer, die vor mir kamen. Mein persönlicher Tanz auf der Achse des Psychoterrors. In meinem Kopf probt eine Hundertschaft aus Selbstzweifeln die Broadway-Steppversion von „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, um mir auch die letzte Konzentrationsgrundlage aus dem Schädel zu kitzeln. Ordnung muss her. Schnell und sauber. Eine Schweißperle gleitet schüchtern über meine Stirn, weitere folgen. Der Damm bricht, meine Poren platzen. Ob die Zuschauer bemerken, wie mein Gehirn versucht, sich durch mein linkes Ohr aus dem Staub zu machen? Eigentlich ein guter Zeitpunkt für spontane Selbstverbrennung. Ich will sterben. Ich will würgen. Gerne auch beides. In beliebiger Reihenfolge.
Die Leute starren mich an und ich beginne an zu reden. Was, weiß ich nicht genau, aber immerhin steht alles auf den Zetteln vor mir. Im Hintergrund wird mein kleines Endzeitszenario von Powerpoint beflimmert. Mit einem leisen Zischen verdunstet sämtlicher Speichel spontan auf meiner Zunge. Die Wörter kleben im Mund fest. Ist mein Hosenstall offen? Warum gähnt die Schlampe in der ersten Reihe? Warum starre ich beim Reden die Ganze Zeit auf das Notausgangsschild? Raus? Raus. Raus!
Dann wird es plötzlich ruhig. Hirnblutung oder Nirwana. Immerhin höre ich mich weiterreden. Ein gutes Zeichen. Noch drei Seiten. Nichts mehr. Gleichmütig wie eine Hindukuh. Noch Zwei. Ich bin der Marathonmann. Trunken vom eigenen Hormon. Noch Eine. Fertig. Endlich. Ich grinse. Vor mir ein Wochenende. Nach mir die Sinnflut. Harter Schnitt. Zeit für den Abspann.
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Die Titelmusik zerrt sich verbraucht durch den Raum, prallt gegen die Wand und blutet langsam aus.
[Sanfte Überblende auf den Protagonisten. Close Up.]
Mein guter Anzug ist in der Reinigung, daher fasse ich mich kurz: An dieser Stelle tauchen Texte auf. Gelegentlich. Meine derzeitige Arbeit wirkt auf meinen Lebenswandel, wie Botox auf Madonna. Macht zeitlos , strafft gnadenlos. Bleibt wenig Zeit für Texte. Aber wir werden sehen.
Hoffe es schmeckt trotzdem. Guten Appetit.
[Abblende]
Ruhe.